Mit dem Rollstuhl in Paris

Ich habe immer behauptet, in Paris Auto zu fahren sei das letzte europäische Abenteuer. Diese Behauptung nehme ich nun offiziell zurück und bezeichne sie schlichtweg als falsch! Wirklich Mutige sollten es per Rollstuhl versuchen.

Da ich mir den Fuß gebrochen hatte, der noch nicht vollständig verheilt war, und die gebuchte Reise nach Paris leider nicht mehr zu stornieren war, haben wir beschlossen, einen Rollstuhl zu mieten. Ich kenne Paris, war schon oft dort und habe mich auf diese Reise gefreut. Doch diese fünf Tage Paris im Rollstuhl waren ein besonderes Erlebnis, über das ich hier berichten möchte.

Wir kamen am 19. Juli an, ein etwas regnerischer Tag, doch da im Online-Wetterbericht tatsächlich fünf Tage Regen vorausgesagt waren, hatten wir genug Regenkleidung mit. Unsere Freundin, bei der wir auch wohnen wollten, holte uns am Flughafen Charles de Gaulle ab. Der Flieger hatte die übliche Verspätung und nachdem wir den Rollstuhl aus der Fracht zurückbekamen und den Diebstahl einer Stange Zigaretten verzeichnen konnten, durfte ich die Krücken endlich in das rollende Gefährt einhängen und wir schoben los.

Im Flughafen ist die Welt noch in Ordnung und der Weg zur Bushaltestelle und mit dem Bus zur Oper ist auch kein Problem. Doch dann müssen wir mit der Metro weiter. Die (auch von mir) vielgerühmte Pariser U-Bahn ist leider nur für Personen ohne Gepäck, ohne Rollstuhl und ohne Krücken zugänglich. Es gibt so gut wie gar keine Rolltreppen und über Aufzüge wollen wir mal gar nicht erst reden. Dafür hat es die berühmten Drehkreuze, an denen man das Ticket entwertet und die man mit dem Körper beim Durchgehen öffnet. Da gibt es mit Krücken schon erhebliche Schwierigkeiten und ich wurstle mich hinkenderweise durch die Stahlstangen. Georg hat es noch schwerer: Der Koffer passt nicht unten durch und ist zu schwer, um ihn darüber zu heben. Das gleiche gilt für den Rollstuhl. Freundliche Leute halten uns dann die Ausgangsschleuse auf (die reagiert per Fußdruck und geht komplett in ca. 50 cm Breite auf), damit wir unseren Kram hineintransportieren konnten. Weiter geht es treppauf treppab zum Bahnsteig. Gut, dass ich schon wochenlang im Krückenhumpeln geübt bin. Beim Verladen in die Metro muss man sich sehr beeilen; die Türen schließen sehr schnell. Gerade noch die letzte Krücke hereingezogen.... knapp geschafft. Aussteigen ist noch schlimmer: viele Leute drängeln sich gerade vor dieser Türe und nur mit einem bayrisch laut gerufenen "PARDON!!!" konnten wir uns in letzter Minute mitsamt unserer Ladung nach draußen retten.

Nun wieder viele Treppen hinauf, Gepäck durch die Schleusen quetschen. Weil nun eine riesige Plattform kommt, werde ich wieder in den Rollstuhl verfrachtet - mein Mann muss schließlich auch noch den Koffer schleppen. Da ist die Ausgangstür: ca. 60 cm breit. Da passt kein Rollstuhl durch. Aussteigen, zusammenklappen, durchhieven, ich hüpfel hinterher, Treppen hoch. Geschafft? O nein, noch lange nicht. Neue Hindernisse tauchen auf: sehr schmale Gehwege, immer wieder von kleinen Bäumen unterbrochen, die mit einem riesigen Kopfsteinpflastervorgarten versehen sind oder von kleinen Straßencafes, deren Stühle bis an den Straßenrand verteilt sind. Da muss man runter vom Gehsteig und auf die Straße. Autos hupen. Bordsteine sind sehr hoch.

Die Wohnung unserer Freundin hat glücklicherweise einen Aufzug, denn sie befindet sich im 5. Stockwerk. Allerdings ist der Aufzug sehr klein. Koffer, zusammengelegter Rollstuhl und drei Personen passen nicht hinein. Wir schweben in zwei Teams nacheinander nach oben.

Am nächsten. Tag entschädigt uns Paris mit strahlendem Sonnenschein - der vorausgesagte Regen bleibt aus. Versailles steht auf dem Programm, wir wissen ja nicht, wie lange dieses Wetter anhält. Unsere Freundin fährt uns mit dem Auto hin - das Erlebnis RER (das ist die Pariser Schnellbahn) bleibt uns vorerst noch erspart. Diese hat nämlich einen so breiten Abstand zum Bahnsteig, dass es mit Krücken ein reines Abenteuer ist, über diesen Abgrund zu hüpfen.

Auf dem Schlosshof von Versailles haben wir unser erstes nettes Erlebnis: als der Rollstuhl auf dem holprigen jahrhundertealten Kopfsteinpflaster hängen bleibt, bietet uns der Torwächter an, mit dem Auto bis zum Schloss hochzufahren. Völlig kostenlos. Wir staunen. Aber auch bei der Schlossbesichtigung stellen wir fest, dass nicht alles in Frankreich behindertenunfreundlich ist. Wir dürfen kostenlos und ohne Schlangestehen durch einen Nebeneingang ins Schloss, werden mit dem Lift hochgefahren und können nach Herzenslust besichtigen, ohne lästige Fremdenführer. Feine Sache - vielen Dank. Danach rollen wir durch die wundervollen Parkanlagen (und Kies ist auch nicht gerade der optimale Straßenbelag für Rollstühle). Der Park ist nicht eben, es geht oft bergauf und bergab - für Georg ein Aktivurlaub!

Am Samstag versuchen wir, uns mit Rollstuhl und öffentlichen Verkehrsmitteln in Paris zurecht zu finden. Schwierig und anstrengend, vor allem für meine beiden Begleiter. Aber ich kann auch keine Metrotreppen mehr sehen. Wir absolvieren die übliche Kurztouristen-Tour: Eiffelturm, Notre Dame, einen Spaziergang über den Boulevard Saint Michel und zum Saint Germain. Schön ist es, auch wenn sich die Touristen auf die Füße treten. Bei schönem Wetter haben die Bookinisten am Seineufer ihre Läden geöffnet und wir bewundern die verschiedenen Seinebrücken, verschieden alt, verschieden konstruiert, aber alle sehenswert.

Den Abend verbringen wir in einem wundervollen Lokal "Dome du Marais". Das Haus schaut völlig normal aus, doch das Lokal ist innen rund, mit einer wunderschönen Glaskuppel. Das Essen ist nicht ganz billig, aber erlesen gut. Für ca. 65 DM gibt es ein sehr gutes Menue und wir wählen zwischen verschiedenen Leckereien. Die Karte ist in französisch und englisch und man kann einigermaßen verstehen, was man isst. Die Entenleberpastete mit Portweinfeige als Vorspeise ist übrigens absolut empfehlenswert - und zum Nachtisch gab es einen Schokoladenteller mit drei verschiedenen Schokoladendesserts, von dem ich noch immer nachts träume.

Man kommt dort recht gut mit der Metro hin (bis Rambuteau), sollte aber vorbestellen. Adresse:

Dome du Marais
53, rue des Francs-Bourgeois
75004 - PARIS
Tel.: 0033 (1) 42 74 54 17
Fax: 0033 (1) 42 77 78 17

Am Sonntag entscheiden wir uns, völlig auf die U-Bahn zu verzichten. Wir machen einen kleinen Sonntagsspaziergang von ca. 10 km vom Bastilleviertel quer durch das Marais. Das Marais ist das jüdische Viertel und es hat den Vorteil, dass Sonntags alle Geschäfte geöffnet sind. Wir naschen Falafel und schieben uns durch die überfüllten Straßen. Es ist wunderschön dort, sehr alte Häuser und eine gute Atmosphäre. Zwischen dem Marais und der Seine gibt es einige Straßen, in denen sich die weniger bekannten Modedesigner niedergelassen haben. Da ab Mitte Juli eine Art "Sommerschlussverkauf" herrscht, kann man sehr interessante Schnäppchen machen - denn die Ware wird oft um die Hälfte reduziert.

Allgemein:
Die meisten Museen und kostenpflichtigen Sehenswürdigkeiten honorieren den Mut, mit einem Rollstuhl zu fahren. Man hat fast überall freien Eintritt inklusive einer Begleitperson und braucht sich nicht in die Schlange zu stellen. Das ist schon einigermaßen angenehm. Das gilt sogar auch für das Riesenrad am Place de la Concorde. Und in den öffentlichen Verkehrsmitteln steht unverzüglich jemand auf, wenn man mit Krücken kommt. (Diese Erfahrung habe ich in München leider noch nicht gemacht.)

Die RER ist allerdings etwas schwierig. Abgesehen von den oben erwähnten breiten Abständen vom Bahnsteig zur Tür, hat man auch hier ein Problem mit den Drehkreuzen. Und dass eine freundliche Mitarbeiterin den Rollstuhl durch eine Nebentür durchlässt, hilft nur wenig. Denn wenn der Fahrschein nicht entwertet ist, kommt man am Ziel nicht mehr aus der Tür. Dort befinden sich nämlich ebenfalls Kontroll-Drehkreuze. Und die sind meist nicht bewacht.

Generell lässt Paris in Sachen Rollstuhlfahrer sehr zu wünschen übrig. Das neue errichtete Einkaufzentrum Les Halles (drei Etagen unterirdisch) hat ein großes Hinweisschild zum Behindertenaufzug. Der ist allerdings ein Witz, denn ein Rollstuhl kann nicht gerade hineinfahren, sondern muss 10 Mal rangieren, da der Aufzug nicht tief, sondern breit ist. Dafür ist die Tür recht schmal. Gratulation an den Konstrukteur!

Auf den Boulevards und an den Ampeln laufen die Menschen fast über einen hinweg (jetzt weiß ich, wie sich ein Kind im Kinderwagen fühlen muss) und auch neuere Gebäude haben keine Rampen. Die großen Kaufhäuser Printemps und Maritaine haben zwar Aufzüge, jedoch allerdings meist außer Betrieb und keiner davon führt auf die Dachterrassen. Auch ich durfte diese Aussicht nur auf dem Foto bewundern.

In der berühmten Fressmeile am St. Germain schauen die sonst so aufdringlichen Restaurantwerber schnell weg. In den fünf Tagen habe ich insgesamt drei Rollstuhlfahrer gesehen - nicht weiter erstaunlich, denn man kann sich vorstellen, wie der Alltag für Behinderte aussehen muss. Man bleibt in seinem Viertel, meidet öffentliche Verkehrsmittel und wenn man kein Geschäft in der Nähe hat, verhungert man sowieso.

Paris ist eine Reise wert - jedoch nur, wenn man nicht gehandicapt ist. Wer es dennoch wagen will, kann hier Informationen über Unterkünfte, Verkehrsmittel und öffentliche Einrichtungen für Behinderte erhalten:

Französisches Fremdenverkehrsamt
Stichwort "Touristes quand même"
Tel. 069- 7 56 08 30
oder
Comité National Français de Liaison pour Réadaptation des Handicapés
38, Boulevard Raspail
75007 Paris
Tel. 0033-1-45 48 90 13

Links

Der Online-Reiseführer von Uwe Freund ist eine ausgezeichnete Seite. Hier findet man viele Informtionen über Sehenswürdigkeiten, ein wenig Geschichte und Ausgehtipps in Paris, München, New York und San Francisco.

Auch im GEO-Reiseführer findet ihr nützliche Informationen, jedoch nur wenig Außergewöhnliches.


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