Die Heldentaten des jungen Siegfried

In Xanten am Niederrhein herrschten vor Zeiten König Siegmund und Königin Sieglind. Sie hatten einen Sohn, Siegfried geheißen.Eines Tages kam Siegfried zu einem Schmied, der Mime hieß und tief im Wald seine Werkstatt hatte. Siegfried bat darum, auch das Schmiedehandwerk lernen zu dürfen und der Schmied stimmte angesichts der Größe und Stärke des jungen Mannes zu. Er ließ Siegfried mit dem schwersten Schmiedehammer auf ein glühendes Eisen schlagen, doch gleich der erste Schlag war so gewaltig, daß er den Amboß tief in die Erde trieb und das Werkzeug zerbrach. Dennoch nahm Mime ihn auf. Doch bald bereute er es, denn Siegfried fing mit allen Gesellen Streit an und diese drohten dem Meister, die Schmiede zu verlassen, wenn Siegfried noch länger bliebe.

Der Meister faßte den Entschluß, Siegfried endgültig loszuwerden und schickte ihn in auf den Weg zu einem Lindwurmhort, um dort Kohlen zu brennen. Siegfried tat wie ihm geheissen und schlug die Bäume an der angegebenen Stelle, schichtete sie auf und zündete ein Feuer an, um Holzkohle zu brennen. Als er sich jedoch auf einen Baumstumpf gesetzt hatte, um sich von der Arbeit auszuruhen, wälzte sich der Lindwurm heran, ein riesiges Ungeheuer, das einen Menschen mit Haut und Haar verschlingen konnte. Siegfried sah das Ungeheuer, riß einen Baum aus dem Feuer und schlug mit aller Kraft auf den Drachen los. Schlag auf Schlag versetzte er ihm, bis das Untier tot war und das Blut in einem dicken Strahl hervorschoß. Siegfried steckte einen Finger in das dampfende Drachenblut und sah, daß sein Finger von einer festen Hornhaut überzogen war, daß kein Schwert ihn ritzen konnte. Da warf Siegfried rasch seine Kleider ab und bestrich sich von oben bis unten mit Drachenblut, so daß seine Haut unverletztlich wurde bis auf eine kleine Stelle am Rücken zwischen den Schultern, wo ein Lindenblatt hingefallen war. Dann zog er seine Kleider wieder an und machte sich auf den Weg nach Hause.

Lange hielt es ihn dort nicht und er zog wieder hinaus, um Abenteuer zu suchen. So kam er einmal an einen Berg und sah, wie Männer einen riesigen Schatz aus dem Berge holten. Es war der Hort der Nibelungen, den die Könige Nibelung und Schilbung unter sich aufteilen wollten. Als Siegfried näher geritten kam, erkannten ihn die Könige und baten ihn, den Hort unter ihnen aufzuteilen, denn sie konnten sich nicht einigen. Zum Lohn schenkten sie ihm das Schwert Balmung. Siegfried nahm an und begann, alles Gold aufzuteilen. Doch er konnte es den beiden Königen nicht recht machen und sie fielen beide mit ihren Recken über ihn her. Doch sie waren ihm nicht gewachsen und er erschlug sie alle mit dem Schwert Balmung.

Das sah Alberich, der zauberkundige Zwerg. Um die König zu rächen, nahm er seine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte und ihm zugleich die Stärke von zwölf Männern gab, und griff Siegfried an. Der wehrte sich nach Leibeskräften und mühte sich lange vergeblich, den Unsichtbaren zu packen. Endlich aber gelang es ihm doch, Alberich die Tarnkappe abzureißen und ihn zu überwinden.

So hatte Siegfried alle, die gegen ihn zu kämpfen gewagt hatten, erschlagen oder besiegt, und nun war er der Herr über das Nibelungenland und den Nibelungenhort. Er befahl, den Schatz wieder in den Berg zurückzubringen, und nachdem Alberich Treue geschworen hatte, setzte Siegfried ihn zum Hüter über den Hort.


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© A. Kalmer, 2003