Verlust - Ein Essay

Man glaubt nicht daran, daß es
passieren könnte. Man denkt manchmal
daran, aber man will es nicht glauben.
Man denkt lieber nicht daran, weil verlieren
Angst macht. Nichts ist sicher.

Gegenstände verliert man leicht mal.
Man vergißt sie oder läßt sie liegen, man merkt
es oft nicht einmal. Manchmal vergißt man sogar, daß
man sie besitzt. Aber besitzen heißt nicht
auch behalten. Nichts ist sicher.

Gefühle kommen und gehen. Teilweise
wachsen sie und teilweise werden sie schwächer.
Sanfte Abschiede des Inneren, manchmal auch
hoffungslose und wilde: Verlust wird zum Zustand
im Stillen. Nichts ist sicher.

Und Menschen? Freunde? Ja, auch die.
Zuerst gewinnen sie Konturen, sie entstehen aus
dem transparenten Nichts. Idee macht Materie zur Form.
Formen gewinnen Leben über Gefühle, wachsen,
werden wichtig. Nichts ist sicher.

Belebte Konturen, feste Gestalten von Gefühlen
werden vergehen. Sie beginnen wieder damit, unscharf
zu werden, vergessen setzt ein. Gefühle verlassen die Form,
die Konturen werden still, leblos. Schweigend. Das große
Schweigen. Nichts ist sicher.

Was bleibt ist die dröhnende Stille. Leere unbelebte
Plätze im Innern, schweigend und wund. Was man hatte,
ist verloren und trotzdem ist mehr Platz. Besitzen heißt verlieren.
Haben heißt hergeben und werden heißt vergehn.
Und das ist sicher.

(C.F.)


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