Marcel Reich-Ranicki

Mein Leben
Marcel Reich-Ranicki habe ich bisher sehr zwiespältig gesehen. Keine Frage: Er ist unterhaltsam, insbesondere wenn er ein Werk angreift, Stil oder Logik eiskalt kritisiert und mit bösen Worten karikiert. Nie ist er unterhaltsamer als bei einem Verriss. Doch manchmal attackiert er meine Helden, die großen Literaten ebenso wie die kleine Neuentdeckungen und dann finde ich ihn wieder schwierig und fühle mich fast persönlich angegriffen. Als seine Biographie erschien, hat sie mich zunächst nicht sehr gereizt.
Ich habe mir "Mein Leben" nur gekauft, weil eine kleine Passage daraus in der Ausgabe der "Lyrischen Hausapotheke" (Kästner) zu lesen war und diese Passage mich sehr angesprochen hat. Diese kleine Geschichte, emotional und anrührend, hat mich bewegt, das Buch des großen Kritikers zu lesen. Glücklicherweise.

Die Geschichte des Marcel Reich ist versöhnlich, nicht aggressiv. Er erzählt über seine Kindheit in Polen und im Berlin der dreißiger Jahre, bei beginnendem Antisemitismus. Er erzählt über die Zeit im Warschauer Getto, als Überleben nur noch Glückssache war, er schreibt über seine Familie, seine Liebe, und auch über das Leid, das ihm zugefügt wurde. Und doch ist er nicht verbittert, kein Ankläger gegen die Deutschen im Allgemeinen. Er sieht den Antisemitismus nicht als "deutsche Eigenschaft" und sieht keine Erbschuld. Nachdem er seit dem Kriegsende in Polen gelebt hatte, ist er 1958 in die Bundesrepublik gekommen, nicht zuletzt der Literatur wegen, die ihm Zeit seines Lebens viel bedeutet hat.

Ich habe festgestellt, dass ich ihn viele Jahre lang verkannt habe. Ich habe oft geglaubt, dass Reich-Ranicki sehr festgelegte Ansichten über Literatur hat, dass er belehrend ist, ein Schulmeister der Großen sein will. Doch er kennt sie ja alle, und nun denke ich, dass er vielleicht - um es mit meinen eigenen unzureichenden Worten zu sagen - das Beste aus ihnen herausholen wollte
Diese Biographie ist lesenswert, nicht nur des Inhalts wegen. Was ich wirklich schätze, ist Reich-Ranickis eindeutige Sprache, nicht abgehoben, keine pseudo-intellektuelle Schreibweise, sondern ein bodenständiger Stil, verständlich und eingängig. Es ist keine Vertuschung, kein Verstecken und keine Rechtfertigung - es ist einfach die Geschichte seines Lebens.
Auf der Rückseite des Buches ist ein Zitat aus der FAZ zu lesen: "Reich-Ranicki hat eine der schönsten Liebesgeschichten dieses Jahrhunderts geschrieben" - eine Liebeserklärung an die Literatur.

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