Erich Kästner

23.02.1899 bis 29.07.1974

Als ich gerade in der Lage war, einigermaßen flüssig zu lesen, schenkte mir mein Opa ein Buch, das ich noch heute besitze: "Das Fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner. Es war der erste Roman für Kinder, den ich gelesen habe. Seither hat mich Kästner durchs Leben begleitet, als Freund und als Vorbild. Um seinetwillen habe ich Religion in der Oberstufe mitten im Schuljahr abgewählt - weil ich mich mit dem konservativen Lehrer über das Gedicht "Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag" (siehe unter "Gedichten") gestritten hatte.

Als ich zu alt für Kinderbücher und zu jung für "Erwachsenenbücher" war, habe ich wiederum Kästner gelesen, die leichten komödiantischen Romane, wie z.B. "Drei Männer im Schnee". Aber der echte Kästner kam erst später: Die Werke für Erwachsene. Gedichte, bissig, knapp und prägnant. Und noch immer entsetzlich aktuell. Auch als ich mich mit dem 3. Reich beschäftigt habe, führte der Weg über Kästner, über die Bücher "Fabian" und "Notabene 45" und auch über Kästners Lebensgeschichte.

Für unsere Generation gilt Kästner lediglich als Kinderbuchautor und Sozialromantiker, man kann kaum begreifen, warum die Nazis ihn verboten hatten. Die wirklich wichtigen Werke sind jedoch auch heute noch brisant, in den Schulen abgelehnt und von unseren Wirtschaftswundereltern nicht verstanden. Denn Erich Kästner ist mehr als der Autor von "Emil und die Detektive". Ich wünsche mir immer noch, "Die Schule der Diktatoren" auf der Bühne zu sehen.

Hier nun ein kurzer Abriss seiner Lebensgeschichte:

Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren, Sohn der Friseuse Ida Kästner und (offiziell) des Sattlers Emil Kästner. Heute weiß man, dass sein wirklicher Vater der jüdische Sanitätsrat Zimmermann war. Dies wurde jedoch von Kästners Mutter aus verständlichen Gründen lange geheimgehalten. Die Eltern lebten keineswegs in guten Verhältnissen, jedoch beschloss Ida Kästner, dass es ihr Sohn einmal besser haben sollte und setzte alles daran, dem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Der Sohn dankte es mit guten Noten und war - wie er selbst sagt - ein wahrer Musterknabe.

Nachdem er sich zunächst für den Lehrerberuf entschieden hatte, stellte Kästner fest, dass er lieber "Lernender als Lehrender" sein wollte und wechselte zum Gymnasium. Das war für die Familie eine starke finanzielle Belastung. Dennoch ermöglichte seine Mutter die Ausbildung. Er wurde noch als Schüler als letzte Reserve eingezogen und behielt von den Misshandlungen während der militärischen Ausbildung einen Herzfehler zurück.

Nach dem 1. Weltkrieg mit dem "Kriegsabitur" entlassen, erhielt er ein Stipendium und studierte Literatur in Leipzig. Um sich zu finanzieren, arbeitete er nebenher als Journalist, nach Beendigung des Studiums und geschriebener Doktorarbeit (1925) blieb Kästner zunächst bei der "Neuen Leipziger Zeitung". Dort lernte er auch Erich Ohser kennen, der als Zeichner tätig war und auch später die Gedichtbände Kästners illustrierte. Heute ist Erich Ohser noch bekannt als Schöpfer der Zeichnungen von "Vater und Sohn" (unter dem Pseudonym e.o.plauen). Ausgerechnet im Beethoven-Gedenkjahr 1927 veröffentlichte Kästner ein Gedicht in der Leipziger Zeitung, das "Du meine 9. Symphonie" hieß und ein wenig obszön war. Ohser hatte die Illustration dazu gemacht. Beide wurden sofort entlassen, man bot Kästner allerdings an, als Theaterkritiker für ein lächerliches Gehalt in Berlin tätig zu sein. Kästner und Ohser gingen nach Berlin - was sich als "Fußtritt Fortunas" erweisen sollte, wie Kästner es nannte. Kästner schrieb für diverse Zeitungen und Magazine sowie für Kabaretts (u.a. auch für Werner Finck).

1928 erschien sein erster Lyrikband "Herz auf Taille" mit relativ großem Erfolg und noch im gleichen Jahr "Emil und die Detektive". Das Kinderbuch war ein Riesenerfolg, und verhalf Kästner zu enormer Bekanntheit. So legte er bereits im folgenden Jahr "Lärm im Spiegel", einen weiteren Lyrikband, nach. Es folgte "Ein Mann gibt Auskunft" (Gedichte), ein Kurzfilm ("Dann schon lieber Lebertran" - leider verschollen) und der "Emil"-Film, dessen Drehbuch er mit Billy Wilder zusammen schrieb.

1931 wurde "Fabian" veröffentlicht. Das Buch, das in überzogener Weise die sozialen und moralischen Zustände in Berlin aufzeigt, wurde bereits vor der Veröffentlichung zensiert. Kästner musste drei Kapitel streichen. Das Buch war dennoch sehr erfolgreich.

Dann kamen die Nazis an die Macht. Fabian wurde von der Reichsschriftkammer 1933 auf den Index "Schund und Schmutz" gesetzt. Am 10. Mai 1933 war Kästner Zuschauer bei der großen Bücherverbrennung, der auch seine eigenen Werke zum Opfer fielen. Seine Bücher befanden sich jedoch in guter Gesellschaft: sie wurden zusammen mit Werken von Brecht, Döblin, Heinrich und Thomas Mann, Hemingway und Joyce verbrannt.

Kästner als Pazifist und Zeitkritiker erhielt Schreibverbot, durfte jedoch zunächst als "Devisenbringer" im Ausland veröffentlichen. Kästner konnte sich den meisten Verhaftungswellen durch einen Besuch in Dresden entziehen, zwei Mal jedoch wurde er verhaftet, verhört und wieder frei gelassen. Seine Konten wurden eingefroren. Trotz vielem Zureden seiner Bekannten und Freunde blieb Kästner in Berlin, um Augenzeuge des Unrechts zu sein, wie er später schrieb. Sicherlich blieb er aber auch in Deutschland seiner Mutter wegen.

1942 kam eine unerwartete Anfrage der UFA, ob Kästner das Drehbuch für den Jubiläumsfilm schreiben wolle. Es existierte keine schriftliche Erlaubnis, das Ganze war reichlich mysteriös. Jedoch: Kästner schrieb das Drehbuch für "Münchhausen" (1943 mit Hans Albers verfilmt). Sein Drehbuch enthielt viele versteckte Spitzen gegen die herrschenden Nazis, die währen der Eile der Filmaufnahmen gegen Kriegsende nicht erkannt wurden. Aufgrund seines Berufsverbotes erschien der Autor im Abspann unter dem Pseudonym "Berthold Bürger". Als Hitler davon erfuhr, wurde Kästner mit einem absoluten Berufsverbot belegt, das diesesmal auch für das Ausland galt.

1944 erfolgte eine große Verhaftungswelle. Erich Ohser zählte zu ihren Opfern, er erhängte sich in seiner Zelle. Erich Knauf, auch ein Freund Kästners, wurde hingerichtet. Kästner und seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle verbrachten das Kriegsende durch die Hilfe eines Freundes bei der UFA als Mitarbeiter eines Filmteams in Mayrhofen in Tirol. Da es keinen Film zu verschwenden gab, andererseits die Dorfbewohner nicht misstrauisch werden durften, drehte man einen Pseudofilm - ohne Filmmaterial. Die Kameras liefen leer.

Nach dem Krieg kam Kästner nach München und blieb auch dort. Er wurde von der amerikanischen Besatzung um Mitarbeit gebeten und schrieb wieder für Zeitschriften und Kindermagazine. Ferner rief er eine Aktion ins Leben, die durch den Krieg verstreute Familien wieder zusammenbringen sollte. Er gründete wieder ein Kabarett, die Schaubühne. Er veröffentlichte weiterhin Kinderromane, Gedicht- und Chansonbände und eines seiner wichtigsten Stücke - "Die Schule der Diktatoren" - wurde 1957 uraufgeführt.

Kästner war Mitglied im PEN-Verband und setzte sich auch weiterhin für pazifistische Belange ein. 1965 fand in Düsseldorf eine weitere Bücherverbrennung seiner Werke statt - organisiert vom "Evangelischen Jugendbund für entschiedenes Christentum". Die Menschen haben nichts gelernt.

1957 wurde Kästner der lang gewünschte Sohn geboren. Für ihn schrieb er die beiden Kinderbücher vom "Kleinen Mann". Erich Kästner, 1961 an Tbc erkrankt, verbrachte seine letzten Lebensjahre - mit Unterbrechungen - hauptsächlich in einem Sanatorium im Tessin. Er starb 1974 an Krebs.

Seine Werke besitzen auch heute noch eine erschreckende Aktualität. Es liegt vor allem daran, dass sich Regierende und Regierte nicht wesentlich geändert haben. Die Konsequenzen der Arbeitslosigkeit und die Aussichtslosigkeit für die Zukunft bereiten den Boden für eine neue Aktualität der alten Zustände.

Fast alle Romane Kästners enthalten biografische Elemente. So sind Fabian, Emil und Anton Teile von ihm; er hat den "kleinen Grenzverkehr" selbst praktiziert und hat in der Kinderkaserne gelebt, wie die Jungen im "Fliegenden Klassenzimmer". Seine Erzählung "Als ich ein kleiner Junge war" ist autobiografisch und gibt Aufschluss über die Verhältnisse vor dem ersten Weltkrieg, trocken, ohne falsche Sentimentalität.

Wen es reizt, Kästner von der politischen Seite zu versuchen, dem kann ich u.a. folgende Werke empfehlen: "Herz auf Taille", "Ein Mann gibt Auskunft" (Gedichte), "Fabian" (Roman), "Die Schule der Diktatoren" (Komödie), Notabene 45 (eine Art Tagebuch während des Schreibverbots).

Wenn der Mensch aufrichtig bedächte:
daß sich die Erde atemlos dreht;
daß er die Tage, daß er die Nächte
auf einer tanzenden Kugel steht;
daß er die Hälfte des Lebens gar
mit dem Kopf nach unten im Weltall hängt,
indes sich der Globus, berechenbar,
in den ewigen Reigen der Sterne mengt -
wenn das der Mensch von Herzen bedächte,
dann würd er so, wie Kästner werden möchte.


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© A. Kalmer, 2003